2.217m | Gesäuse, Steiermark
Ein grün-weißer Klassiker: das „steirische Matterhorn“
In der Steiermark gibt es Berge, die einen besonderen Stellenwert haben. Wegen ihrer Form, ihrer Höhe oder auch einfach wegen ihrer Schönheit. Tief im Erzbergland, am südöstlichen Rand des Nationalparks Gesäuse steht er – der Lugauer. Ein Berg, den man sich verdienen muss.
Was haben der Dachstein, der Hochgolling, die Hochwildstelle und der Hochschwab gemeinsam? Genau: sie zählen zu den absoluten Klassikern in der Grünen Mark. Gipfel, die bergbegeisterte seit mehreren Jahrhunderten in ihren Bann ziehen. Gipfel, deren Erreichen etwas besonderes ist. Ich persönlich habe auch immer den Lugauer in diese illustre Runde gepackt – vor allem wegen seiner eindrucksvollen Form. Vor über 210 Jahren wurde die mächtige Berggestalt auch Dachsteinkalk zum ersten Mal bestiegen, mit den Jahren erhielt er dann seinen durchaus treffenden Beinahmen: „das steirische Matterhorn“.

Und genau dieser markante Berg steht seit vielen, vielen Jahren auf der Wunschliste von Xenia, Carina und mir. Er ist einer jener Gipfel, welchen wir nur gemeinsam „Erstbesteigern“ dürfen. Schon lange stand das Datum für den geplanten Aufstieg fest, doch man weiß ja nie, was das Wetter so vor hat. Ein Hochdruckgebiet beschert uns stabile Verhältnisse, die Temperaturen könnten für meinen Geschmack aber durchaus kühler sein. Aber gut, man will ja nicht undankbar sein. Das Quecksilber soll schon früh in die Höhe steigen, somit wollen wir um 6:30 Uhr in Radmer an der Hasel los. Das bedeutet: 4:30 Uhr Tagwache, 5:15 Uhr Abfahrt – was man nicht alles tut, um Zeit mit Lieblingsmenschen zu verbringen.
Ich staune nicht schlecht, als ich um 6:20 am „Parkplatz Lugauer“ ankomme und schon jede Menge Autos geparkt sind. Aber auch irgendwie nachvollziehbar: Samstag, noch dazu ein Feiertag und eine perfekte Wettervorhersage. Das macht dann solche imposanten Bergziele, wie der Lugauer eines ist, umso interessanter. Um Punkt halb sieben Uhr startet unser Bergbuddies-Trio auf gut 900 Metern Seehöhe. Bis zum ersten Etappenziel, den „Gspitzten Stein“, sind es um die 650 Höhenmeter. Laut Wegtafel sollten wir in zwei Stunden dort ankommen. Gleich von Beginn an geht es steil bergauf und die jetzt schon viel zu hohen Temperaturen bringen und schnell ins Schwitzen. Immerhin geht es nach einem kurzen Stück in der Sonne danach weitestgehend im Waldgebiet weiter. Der Weg präsentiert sich hier „vielseitig“: steinig, dann wieder jede Menge Wurzeln, kieselig – es ist alles dabei. Nur steil ist es eigentlich immer. Kurz vor dem Gspitzten Stein wartet eine Querung auf uns. Diese ist mit meinem Seil entschärft, aufpassen sollte man hier dennoch, denn linkerhand geht es einige Meter senkrecht hinab. Mit etwas Konzentration bringen wir diese Passage hinter uns und erreichen um kurz vor acht Uhr unser erstes Etappenziel. Hier legen wir die Rucksäcke ab und genehmigen uns einige kräftige Schlucke aus unseren Trinkflaschen.
Von hier kann man den oberen Bereich des Lugauer schon erkennen, den Gipfel selbst sieht man allerdings nicht. 2,5 Stunden sind hier angeschrieben. Allerdings haben wir auch die erste Etappe etwas schneller hinter uns gebracht, somit gehen wir mal davon aus, dass wir in zirka zwei Stunden am Gipfel sein dürften. Vor dem Abmarsch war mein persönliches Ziel: 3,5 Stunden. Wir folgen dem Wanderweg 668 in nordöstlicher Richtung und wandern nun vergleichsweise flach durch schönes Waldgelände. Mit Fortdauer wird der Weg aber wieder etwas steiler, als sich die Bäume zurückziehen und wir direkt auf der Lugauerplan aufsteigen, wird es dann wieder zackig. Dadurch wir recht früh los sind, können wir den größten Teil des gleichmäßig geneigten Steilhanges im Schatten hinter uns bringen. Erst im obersten Teil blinzelt dann die Sonne über die Geländekante. Ab in etwa 2.000 Metern Seehöhe wird das Gelände etwas felsiger und an manchen Stellen nehmen wir die Hände zur Hilfe. Wir bewegen uns hier am, von uns aus gesehen, rechten Rang der Plan, ausgesetzt ist es aber keinesfalls. Auf 2.150 Metern liegt ein aussichtsreicher Vorgipfel, von dem ein schöner Grat in Richtung Hauptgipfel des Lugauer zieht. Konzentriert geht es nun über den teils luftigen Pfad – stets begleitet von einem grandiosen Bergpanorama. Wir können das Gipfelkreuz nun schon sehen und erkennen auch, dass jede Menge Wanderer bereits am Gipfel sind. Ein Platzerl werden wir aber hoffentlich doch erwischen können.
Und dann ist es geschafft: um kurz vor 9:45 Uhr erreichen wir den 2.217 Meter hohen Lugauer-Hauptgipfel. Nun ist es Zeit für einige Gespräche mit anderen Wanderern – eine mir durch eine Facebook-Wandergruppe bekannte Murtalerin erkenne ich, natürlich werden einige Minuten getratscht, bevor sie sich wieder am Weg ins Tal macht. Unsere Jause genießen wir mit einem wirklich traumhaften Ausblick in die umliegende Bergwelt. Ich war in den letzten Jahren auf einigen Gipfel, aber das 360-Panorama vom Lugauer zählt sicherlich zu den schönsten, welche ich bislang erleben durfte. Unzählige Gipfel können wir ausmachen, auch viele, die wir schon besucht haben. Vom Eisenerzer Reichenstein, über „meine“ Seckauer Tauern mit Hochreichart und Geierhaupt, den Gamskögel, traumhafte Blicke zur Hochtor-Gruppe, den Großen Buchstein, den Tamischbachturm und die fast schon greifbar nahen Kaiserschild und Hochkogel. Ich könnte hier stundenlang sitzen – dass Xenia und Carina mit mir hier sind, macht das ganze umso schöner. Es bietet sich nicht mehr so oft die Möglichkeit für eine gemeinsame Tour im Dreierverband, deswegen sind diese Momente dann umso wertvoller. Natürlich gibt es auch immer etwas „Wissen“, dass ich weitergebe. Bei vielen Gipfelnamen denkt man sich: „Und wie kommt man auf so einen Namen?“ So auch beim Lugauer, hier die Erklärung: abgeleitet wird der Name von den Dialektworten „lugen“ und „auer“ – also „schauen“ und „herunter“. Wortwörtlich übersetzt also: „Schau herunter“.
Eine knappe Stunde verbringen wir am Gipfel – die meisten Wanderer sind schon vor uns abgestiegen, somit haben wir den höchsten Punkt unserer Tour fast für uns alleine. Ein Besuch des Ostgipfels ist nicht angedacht, denn der Abstieg in die Lugauerscharte ist zwar seilversichert, aber durchaus ausgesetzt. Um 10:45 Uhr schultern wir unsere Rucksäcke und bringen den Trittsicherheit fordernden Grat hinter uns. Immer wieder bleiben wir stehen und saugen die Eindrucke auf. Als wir dann auf die Lugauerplan kommen, geht es recht rasch talwärts. Kurz vor dem Gspitzten Stein legen wir nochmal eine kurze Verschnaufpause ein. Natürlich im Wald, wo die Temperaturen nicht ganz so hoch sind und der Schatten sehr wohltuend ist. Nun wartet noch die Querung auf uns, die für mich im Abstieg etwas unangenehmer, als im Aufstieg war. Das Seil ist nun aufgrund der Sonneneinstrahlung auch ziemlich heiß. Ich bin froh, wenn wir dieses Teilstück hinter uns haben. Um kurz vor halb drei Uhr erreichen wir schlussendlich den Parkplatz und blicken nochmal auf den monströsen Gipfelaufbau des Lugauer, den man von hier gut erkennen kann. Zufrieden verabschieden wir uns voneinander – jeder hat viele schöne Erinnerungen an diese grandiose Tour im Gepäck.
Eine Tour, die man aber nicht unterschätzen sollte. Bis zum Gipfel sind es keine fünf Kilomenter und dennoch muss man um die 1.300 Höhenmeter hinter sich bringen. Dementsprechend steil ist das Gelände auch. Vom Parkplatz bis zum Gspitzen Stein ist der Weg mit T3 (anspruchsvolles Bergwandern) bezeichnet, der letzte Abschnitt zum Gipfel ist dann schon T5 (anspruchsvolles Alpinwandern). Für ambitionierte Berggeher gibt es natürlich auch die Möglichkeit der Überschreitung, beginnend in Radmer an der Stube, über den Ost-Gipfel zum Lugauer und über die Plan nach nach Radmer an der Hasel. Wer will, kann sogar noch zur Neuburgeralm weiterwandern.
Nun konnte ich den Lugauer endlich in mein Tourenbuch eintragen. Ein „den hätte ich mal gerne“-Gipfel, den ich besuchen durfte. Ob ich das steirische Matterhorn wieder einmal besuche, kann ich jetzt noch nicht sagen, aber wenn, dann wohl eher den Ostgipfel, von Radmer an der Stube weg. Nun richtet sich der Blick auf weitere geplante Touren im anstehenden Bergherbst. Bei passendem Wetter gibt es eine lange Tour in den Haller Mauern, einen Abstecher ins Tennengebirge und die eine oder andere Tour in den Schladminger Tauern. Ich freue mich auf das, was noch kommt.
| Infobox | |
|---|---|
| Start - Ziel: | Parkplatz Lugauer / Radmer an der Hasel |
| Höhenmeter: | 1310 |
| Distanz (km): | 9,8 |
| Gehzeit (exkl. Pausen): | 5-7h |
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