2.233m, 2.082m | Rottenmanner Tauern, Steiermark
Schwarzbeerland, Latschentango & Happy Birthday
Parallel zum Rücken zwischen dem Kleinen Bösenstein und dem Großen Hengst verläuft ein gefühlt ewig langer Graben – die Pölsen. Sie führt westwärts und bringt den ausdauernden Wanderer in eine verlassene Gegend, die mit einigen schönen Gipfeln aufwarten kann. Touren in dieser Ecke entwickeln sich aber zu richtigen „Hatschern“.
Eigentlich stehen andere Gipfelziele auf meiner Wunschliste, aber irgendwie drängt sich der Zinkenkogel Ende Juli in den Vordergrund. Nun gut: da Xenia sowieso bei allem dabei ist, was ich ihr vorschlage, geht es am letzten Juli-Wochenende wieder in die Rottenmanner Tauern und wir wissen, dass eine durchaus lange Tour auf uns wartet. Genau deswegen gilt, wie eigentlich immer: früh los!
Für uns ist Hohentauern so ziemlich die Mitte, was unsere Anfahrtszeit betrifft, somit muss auch niemand ein schlechtes Gewissen haben, dass der andere vielleicht ein bisschen mehr fahren muss. Um sieben Uhr stellen wir unsere Autos am Parkplatz gleich neben der B114 ab und machen uns auf den Weg in die Pölsen. Bis zu einer Wegkreuzung, bei welcher wir uns rechts halten müssen, legen wir schon knapp fünf Kilometer zurück, kommen aber auf nur 180 Höhenmeter. Dafür sind wir beide schon gut aufgewärmt, ehe der Weg in weiterer Folge dann doch schön langsam ansteilt. Markierungen gibt es, diese sind aber ab und an schon recht verblasst, deswegen stets Ausschau halten. Wir überqueren eine Wiese und kommen kurz darauf wieder auf einen Karrenweg, der uns in südwestlicher Richtung weiter nach oben führt. Wenige Minuten später erreichen wir eine Abzweigung, von welcher es durch eigentlich schon recht zugewachsenes Gelände geht. Aber nach zwei Stunden haben wir uns nun erst einmal einen kräftigen Schluck aus der Trinkflasche verdient.
Nun geht es durch ein mit Schwarzbeersträuchern übersätes Gebiet, den Weg erkennt man nur schwer. Wir kommen hier nicht wirklich schnell voran, auch weil Xenia gefühlt 1.000 Beeren pflückt und irgendwann kommt von mir dann ein „Bis zum Gipfel würd ich’s aber heut schon noch gern schaffen“. Sie weiß, dass ich das nur semi-ernst meine und lässt sich die süßlichen Beeren schmecken. Das Gelände wird steiler und wir gewinnen in Richtung Perwurzpolster ziemlich schnell an Höhe. Kurz vor der Einsattelung zwischen Perwurzgupf und dem Kleinen Bösenstein überqueren wir die Baumgrenze und die Blicke werden weiter. Das ist immer einer meiner absoluten Lieblingsmomente. Der Weg schlängelt sich dann am Hang entlang, nach zweieinhalb Stunden legen wir nun am Polster, auf zirka 1.820 Metern Seehöhe, eine kurze Pause ein.
Nun rückt jedoch unser erstes Gipfelziel des heutigen Tages in den Fokus: der 2.082 Meter hohe Perwurzgupf, den allerdings kein Gipfelkreuz ziert. Vom Polster geht es ziemlich gerade den Nordosthang entlang, auch hier gibt es zwar Markierungen, aber: Augen auf. Xenia und ich queren den Gipfel an seiner Nordseite und bringen schlussendlich die letzten Meter vom Westen kommend hinter uns. Perwurzgupf: check! Und damit ein weiterer Murtal-2.000er meines Langzeitprojekts, welchen in besuchen konnte. Wo ich nach dieser Tour genau stehe, verrate ich nicht – nur so viel: ich befinde mich bereits im letzten Drittel. Am Gupf bleiben wir nur kurz und werfen einen Blick auf den finalen Anstieg auf den Zinkenkogel, unser eigentliches Tagesziel. Ein formschöner Gipfel, der zusammen mit dem Perwurzgupf den Abschluss der Pölsen bildet. Gute 150 Höhenmeter sind es noch und 30 Minuten später stehen wir auch schon am 2.233 Meter hohen Zinkenkogel, den einige Gebetsfahnen zieren.
Hier ist es absolut grandios, der Gipfel bietet genügend Platz um entspannt eine Pause einzulegen. Die Fernsicht und das Panorama sind fantastisch, natürlich kann ich mich an der Bergwelt nur sehr schwer sattsehen. Vor allem der Grat über den Wagnerplankogel zum Hochschwung sieht interessant und auch begehbar aus. Da wir vollkommen allein hier sind, gibt es natürlich ein paar Luftaufnahmen dieser wunderschönen Gegend, danach werden die Kraftreserven aufgefüllt. Schon vor Abmarsch stand eine mögliche Überschreitung des Zinkenkogels im Raum, ich überlasse es Xenia, ob wir das in Angriff nehmen wollen.
Natürlich sagt sie ja, also heißt es nach der Gipfelrast: weglos in südlicher Richtung absteigen und danach weiter in Richtung Steinwandkogel. Wir kommen leider nicht so schnell voran, wie wir eigentlich wollten, auch weil man immer nach dem Weg Ausschau halten muss. Hier wandern nur wenige Menschen, dementsprechend schlecht ausgetreten sind auch die Pfade. Irgendwann erreichen wir dann doch Gipfel Nummer 3, den 2.132 Meter hohen Steinwandkogel. Hier könnte man noch weiter über den Schüttnerkogel und über den Bruderkogel dann wieder hinab zum Parkplatz. Das erschien uns heute allerdings etwas zu weit, aber hätten wir gewusst, was noch auf uns zukommen würde, hätten wir vermutlich die zusätzlichen Höhenmeter liebend gern in Kauf genommen.
Mein Plan ist es, über die Gamshöhe ins Kar abzusteigen und dann über einen Pfad zurück zur vorhin erwähnten Wegkreuzung, wo wir ins Schwarzbeerland eingetaucht sind. Also, nun in nördlicher Richtung zur Gamshöhe, die malerisch eingebettet liegt. Von hier soll es durch Latschengassen nach unten gehen – zumindest konnte man vom Zinkenkogel, der genau gegenüber liegt, einen Weg ausmachen. Doch irgendwie war dort kein Weg. Nun ja, eigentlich doch, aber dieser scheint aufgelöst worden zu sein, die Latschen haben sich das Gebiet vollkommen zurückerobert. Also müssen wir nun mit einem echten Latschentango vorlieb nehmen und kämpfen uns im Schneckentempo Höhenmeter für Höhenmeter nach unten. Xenias Stimmung sinkt, meine ist jetzt auch nicht mehr am absoluten Höhepunkt, doch es hilft nichts, wir haben keine andere Option und irgendwann bringen wir das grüne Labyrinth hinter uns.
Gezeichnet von etlichen Kratzern und Löchern in den T-Shirts – das hat sich ja so richtig ausgezahlt. Aber wir haben es nun hinter uns gebracht und wandern in wirklich idyllischer Kulisse nach unten. Aber auch hier kann man einen Weg nur spärlich erkennen, eher folgt man Geländekanten und Offline-Karten. Es ist nun bereits Viertel nach drei und der Weg ist noch weit. Wir erreichen etwas später wieder den Karrenweg und spazieren nun schon etwas gezeichnet, begleitet vom Pölsenbach, den Graben hinaus. Bei der wirklich schön erhaltenen Pölsenhube steht ein riesiger Brunntrog, am liebsten würde ich mich hier hineinlegen – er dient als ideale Abkühlung und mobilisiert nochmal einige Kraftreserven. Bis zum Parkplatz ist es noch ein gutes Stück. Es ist nun bereits nach 16 Uhr, eigentlich wollte ich aufgrund der Tour de France Königsetappe bereits um halb drei Uhr zuhause sein – dieser Plan ging heute wohl nicht auf. Wir schleppen uns die finalen Meter zu den Autos zurück und teilen uns danach genüsslich ein Zuckerreingerl – irgendwie wusste ich in der Früh schon, dass ich nach dem Ende dieser Tour etwas zum Beißen brauchen werde.
Über neun Stunden waren Xenia und ich unterwegs. Eigentlich war es auch ihre Geburtstagstour, denn wenige Tage davor holte sie mich, zumindest was die Zahl angeht, wieder ein. Sie hätte sich aber mit Sicherheit ein schöneres Geschenk verdient – zumindest hätten wir nach dem Zinkenkogel den gleichen Weg wieder zurückgehen sollen. Aber gut, die noch so detaillierteste Planung kann einem dann doch nicht vor so etwas bewahren. Dennoch war es eine landschaftlich attraktive Tour, auf welcher man weitestgehend alleine unterwegs ist. Nur bei den letzten Höhenmetern auf den Zinkenkogel haben wir drei weitere Wanderer getroffen. Hier also mein Rat: wenn eine Überschreitung des Zinkenkogels, dann definitiv mit der Option über den Bruderkogel. Ein vorzeitiges Absteigen in die Pölsen ist, zumindest über die Gamshöhe, nicht ratsam.
Was bleibt sind Erinnerungen, die man auf Wanderungen, wo alles immer perfekt abläuft, nie macht. Man wächst zusammen, man lernt den Wanderpartner dann noch genauer kennen und das ist schlussendlich ja auch etwas durchaus positives. Für mich war die Wanderung sehr eindrucksvoll und landschaftlich teils herausragend schön. Mit mehr als 20 Kilometern und über 1.300 Höhenmetern ist es aber schon eine durchaus fordernde Tour gewesen – ich möchte sie aber nicht missen.
| Infobox | |
|---|---|
| Start - Ziel: | Parkplatz an der B114 (Richtung Forsthaus Pölsen) |
| Höhenmeter: | 1300 |
| Distanz (km): | 22 |
| Gehzeit (exkl. Pausen): | 6-8h |
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